Naturschutz im Weinbau

Weinbergführung beim Weingut Seiler in Weyer, Pfalz

(dm) Zweck der Veranstaltung am 03. September 2017 war, Ideen und Anreize dafür zu liefern, wie man die Artenvielfalt in der meist intensiv genutzten Weinbaulandschaft deutlich erhöhen kann. Das Fernziel dieser und weiterer geplanter Veranstaltungen ist es, Menschen im Weinbau ins Gespräch miteinander zu bringen und zunächst lokal möglichst viele Maßnahmen zur Steigerung der Biodiversität umzusetzen. Das bedeutet: Strukturen schaffen für die Etablierung selten gewordener Tier- und Pflanzenarten bzw. Lebensgemeinschaften und die Ansiedlung von lokal verschwundenen Arten. Neben dem Interesse für Weinbau ist dafür nicht mehr nötig als eine gewisse Wertschätzung für die Natur. Und es sind weder neue Richtlinien noch neue Naturschutzgebiete notwendig, sondern lediglich ein anderer Umgang mit Kleinstflächen und Randstreifen.

Der Winzer Ludwig Seiler begeistert und beschäftigt sich seit seiner Kindheit für und mit der Natur – entsprechend verfügt er neben einem weitreichenden Verständnis der ökologischen Zusammenhänge über eine enorme Artenkenntnis in Flora und Fauna.

Naturschutz macht Weinbau nachhaltig!

Strukturen und Brutgelegenheiten schaffen

Zu Beginn der Veranstaltung präsentierte Ludwig Seiler auf der Terrasse neben der Probierstube und rund um sein Anwesen, wie man Brutgelegenheiten und Kinderstuben für möglichst viele Tierarten schafft. Denn vielen seltenen Tierarten mangelt es schlicht an passenden Strukturen. Wohnhäuser sind meist komplett abgedichtet und bieten keine Schlupfwinkel mehr. Und die heutige Kulturlandschaft wird allzu stark „aufgeräumt“.

Ludwig Seiler hat auf seinem Anwesen Brutgelegenheiten zum Beispiel für den Turmfalken, die Dohle, Eulen, Mehlschwalben, Fledermäusen, Mauereidechsen und zig verschiedenen Solitärbienen und -wespen geschaffen. Die meisten davon werden jedes Jahr angenommen. Die „Bienenhotels“ fertigt Seiler in mühevoller Handarbeit selbst. Mehrere Hundert davon hat er im Einsatz: Etwas auf zwei Dritteln seiner Rebflächen hängt jeweils ein Bienenhotel am Endpfosten jeder Rebzeile – fast schon ein Markenzeichen. 40 Kunstnester für die Mehlschwalbe hängen am Betriebsgebäude. Von den zahlreichen Mehlschwalben, die die Gruppe während der Weinbergführung umkreisen, weiß Seiler, dass sie ausschließlich zur Population von dieser mit einfachen Mitteln geschaffenen Kleinkolonie gehören.

Naturnahe Randstreifen

Seilers Rebflächen werden meistens begleitet von auffällig artenreichen Grünstreifen. Möglichst alle Pflanzenarten sollen bis zur Samenreife stehen bleiben – es wird also selten gemäht. Das schafft eine Artenfülle bei den Insekten, die laut Seiler auch für den Wein nur Vorteile bietet. So können sich viel mehr Nützlinge ansiedeln, die dabei helfen, zum Beispiel die Blattzikadenpopulation auf den Weinblättern einzudämmen. Auf konventionellen Nachbarflächen verursachen sie zum Teil ein verfrühtes Vergilben der Blätter.

Pfluglose Bodenbearbeitung

Auch die Rebgassen und die Rebstöcke sehen bei Seiler anders aus: Der Boden ist dicht und vielfältig bewachsen. Beim näheren Hinschauen kann auch das biologisch geschulte Auge die Artenanzahl nicht spontan überblicken, so vielfältig ist die Bodenflora. Zum Vergleich: Auf konventionell bearbeiteten Weinbauflächen, die meist regelmäßig gepflügt werden, kann man die Anzahl der Beikräuter – im Volksmund auch Unkräuter genannt – innerhalb von Sekunden meist an einer Hand abzählen. Manchmal bekommt man auch ein Dutzend zusammen, aber eher deshalb, weil der Winzer eine Saatmischung ausgebracht hat. Seiler hingegen kann auf seinen Flächen über 100 Pflanzenarten nachweisen, darunter auch einige sehr seltene Arten. Ein paar davon sind sogar zwingend auf extensiv bearbeitete Kulturböden angewiesen, so beispielsweise die Acker-Ringelblume, die er den Teilnehmern zeigt. Weit über 90% aller landwirtschaftlichen Flächen werden intensiv bewirtschaftet, ausgerichtet auf maximalen Ertrag in möglichst kurzer Zeit. Deshalb sind viele Arten der früher typischen „Ackerbegleitflora“ zum Teil stark gefährdet und vom Aussterben bedroht.

Hohe Bodenqualität und Schutz vor Erosion

Was selbst eingefleischte Verfechter der konventionellen Bodenbewirtschaft überzeugen müsste: Der dichte Bewuchs mit einer artenreichen Bodenflora schafft nicht nur die nötigen Nahrungsquellen für eine stabile Lebensgemeinschaft aus Insekten, Spinnen und anderen Tiergruppen. Die Bodenflora verhindert auch die Erosion der Böden bei Regen. Während benachbarte Weinberge schon für den Laien erkennbar tonnenweise Mutterboden durch Niederschläge im Laufe weniger Jahre verloren haben, hat Seiler auf seinen Flächen nicht die geringsten Bodenverluste zu beklagen.

Und die Kehrseite der Medaille?

Natürlich zahlt Seiler einen Preis für seine Weinbau-Philosophie. Das ist zum Einen der hohe Zeit- und Arbeitsaufwand für die Rebstockpflege und die konsequent durchgeführte Handlese. Seiler gibt auch zu, dass er einen deutlich geringeren Ertrag im Vergleich zu dem möglichen Maximalertrag habe – 30% weniger sei schon normal. Dennoch betont er, dass sein Betrieb wirtschaftlich hervorragend dastehe und er unterm Strich keine Nachteile habe – im Gegenteil: Seine Kunden legten Wert auf eine nachhaltige Bewirtschaftung und könnten den Wein ohne Reue genießen. Und seine Weine seien nach einem Jahr komplett abverkauft, das Marketing also entsprechend unaufwendig. Außerdem könnten unvorhergesehene wetterbedingte Ernteeinbußen ihm keine größeren wirtschaftlichen Risiken bescheren. Denn selbst vor Hagelereignissen im Sommer sind Seilers Trauben geschützt. Er lässt die schützende Belaubung um die Traubenzone stehen. Bei der Handlese störe sie nicht weiter.

Fazit

Das Beispiel Weingut Seiler in Weyher zeigt, dass es möglich ist, auch im Weinbau – der als Intensivkultur bekannt ist – nachhaltig zu wirtschaften und dabei ein gutes Auskommen zu erzielen. Seilers Überzeugung ist: Naturschutz schließt eine hohe Weinqualität nicht aus, sondern ermöglicht sie erst.

Bildgalerie der Weinbergführung am 03.09.2017

Autor und Urheberrecht: Dominic Menzler, Neustadt. Kopieren und Publizieren ohne ausdrückliches, schriftliches Einverständnis verboten.